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Gute Menschen

  • Dec. 24th, 2008 at 11:41 AM
salinas

Liegt es am Schicksal? Am Glück? Oder einfach an Weihnachten?
Gestern hatte ich so etwas wie eine Glückssträhne. Ich war auf dem Nachhauseweg mit dem Zug. Nun ist es ja so eine Sache mit den Bahnbilleten: Plötzlich stand eine Kontrolleurin der SBB vor mir und ich kramte wie gewöhnlich mein Portmonee aus der Tasche. Und erst als ich es dann in den Händen hielt, fiel mir ein, dass ich ja gar kein gültiges Billet hatte. Mein Abo war abgelaufen und ich hatte schlicht vergessen, ein Ticket zu lösen. Die Frau SBB muss gemerkt haben, dass ich schon in den Startlöchern gewesen war, als sie auftauchte. Wir befanden uns kurz vor der Station, an welcher ich aussteigen musste. Sie fragte mich also: „Müssen Sie gleich raus?“ Und als ich bejahte, meinte sie: „Na dann, kein Thema. Einen schönen Abend noch.“ Natürlich wäre das nie und nimmer passiert, wenn ich schon bei ihrem Auftauchen an das fehlende Ticket gedacht hätte, und begonnen hätte, rummurksend an einer passenden Ausrede (die es eigentlich gar nie gibt) herumzustudieren. Für einmal war mir meine Vergesslichkeit eine Hilfe.

Ich stieg also aus, machte mich auf den Weg zur Bushaltestelle und steuerte direkt auf den Ticketautomaten zu. Und nun ist es ja eben so eine Sache mit den Bahnbilleten… Die kriegt man ja nur, wenn man das passende Münz hat (wenn man überhaupt daran denkt, eines zu lösen). Das passende Münz fehlte mir natürlich. Ziemlich genau zwei Stutz hatte ich zu wenig. Ich dachte daran, auf die andere Seite des Bahnhofes zu gehen, um mir mein Billet an einem dieser Touch-Screen-Automaten mit EC-Zahlungsmöglichkeit zu kaufen. Doch das war erstens zu knapp, wenn ich den nächsten Bus nehmen wollte, und zweitens war es mir zu blöd. Also hoffte ich einfach, eine zweite Begegnung mit einer Frau SBB würde mir erspart bleiben. Ich hoffte also auf weiteres Glück. Es kam! Bloss in einer anderen Form: Ein freundlicher, recht junger Mann mit schwarzem Mantel, schwarzem Hut und Alkoholfahne sprach mich an: „Sag mal, hast du zu wenig Münz fürs Billet?“ Ich war ziemlich erstaunt und sagte: „Ja, aber es fehlen mir ganze zwei Stutz.“ Er klaubte darauf zwei Einfränkler aus seinem Portmonee und streckte sie mir hin. Das sei ja sehr lieb von ihm, aber es sei doch nicht nötig, stotterte ich. Wer weiss, ob ich mich je revanchieren könnte. Er aber bestand darauf und sagte: „Ich bin soeben mit dem Bus derselben Linie hergefahren. Sie machen grad Kontrollen in diesen Bussen. Wäre ja doof, wenn du 80 Franken bezahlen müsstest, nur weil du grad nicht genug Münz gehabt hast.“ Da hatte er natürlich recht. Ich nahm also an, löste mein Ticket und stieg mit gutem Gewissen und mich ununterbrochen bedankend in den Bus.

Ich muss gestehen, ich konnte kaum fassen, was mir soeben passiert war. So etwas habe ich hier in Zürich echt noch nie erlebt. Jedenfalls nicht in dieser Rollenverteilung. Liegt es am Schicksal? Am Glück?  Liegt es vielleicht daran, dass bald Weihnachten ist und alle Menschen zu dieser Zeit gut sein wollen? Oder kann man tatsächlich damit rechnen, dass einem solches in einer Stadt wie dieser ab und zu passiert? Und wenn man nun diese eigentlich unbedeutende Begebenheit auf Essentielleres überträgt: Kann es sein, dass wir Menschen doch Herdentiere sind, die einander hin und wieder aushelfen, weil es schlussendlich darum geht, dass wir alle gemeinsam durch unser Leben kommen? Dass wir als Gemeinschaft bestehen können? Ich glaube daran, dass die Menschen grundsätzlich gut sind. Man wird selten eines Besseren belehrt. Und manchmal wird man in diesem Glauben gar bestärkt.

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