Ich bin fassungslos und zutiefst enttäuscht. Ich bin traurig. Und irgendwie wütend. Konfus auch. Ich weiss nicht, was ich denken oder sagen soll. Verstehe die Welt nicht, verstehe die Schweiz nicht, verstehe uns nicht.
Und als ich an diesem verwirrenden, pechschwarzen Tag nach Hause fahre, mit dem Tram durch Zürich, da werde ich noch trauriger. Die Stadt ist überzogen mit weihnachtlichen Lichtern. Die warmen Lämpchen strahlen an diesem Abend aber nicht die gewohnte Harmonie aus. Sie wirken kalt und bestimmt. Sie markieren eine Machtposition und demonstrieren den Willen zum Machterhalt. In meinen Augen wird aus der hübschen Beleuchtung eine hässliche Drohung. Hier haben die Platzhirschen Zeichen gesetzt. Für andere religiöse Symbole lassen sie keinen Raum mehr. Und es wird mir bange. Denn ich muss unweigerlich an brennende Synagogen denken. Stossgebet.
- Mood:
and sad
- Location:Winterthur
Habe ich alles erledigt, was heute auf der Liste stand?
Wieso sind wir Menschen dermassen machthungrig?
Wieso gibt es Dinge, die wir niemals lernen können, obwohl wir scheinbar so intelligent sind?
Warum liege ich hier und wälze mich, anstatt einzuschlafen?
Liebt mich mein Freund wirklich?
Bin ich ein guter Mensch?
Wann habe ich zuletzt meine Eltern besucht?
Sind sie stolz auf mich?
Ist das wichtig?
Habe ich den Wecker gestellt?
Wann muss ich denn schon wieder aufstehen morgen früh?
Habe ich gute Arbeit abgeliefert?
Wann kann ich das nächste Mal etwas Zeit in der Natur verbringen?
Habe ich die Herdplatte abgeschaltet?
Was treibt einen Menschen tatsächlich an?
Was mache ich, wenn ich alt und dumm bin?
Habe ich heute wieder zu viel gegessen?
Wie lange wird es wohl gehen, bis sich meine Lunge von der jahrelangen Raucherei erholt hat?
Was mögen die Leute in Brasilien gerade tun?
Wie zum Teufel soll ich den ganzen Text fürs Theaterstück in meinen Kopf kriegen?
Worüber soll ich meine Bachelorarbeit schreiben?
Werde ich einen Job kriegen nach dem Studium?
Soll ich noch weiter studieren?
Kümmere ich mich zu wenig um meine Freundschaften?
Sollte ich grundsätzlich mehr schlafen?
Versuch einer Produktkritik.
«Trident senses berührt Ihre Sinne. Sind Sie bereit für ein unvergessliches Geschmackserlebnis?», fragt mich die Werbung des «beliebtesten Kaugummis der Schweiz». Ja, bin ich. Bitte schön, einmal unvergessliches Geschmackserlebnis für mich. Geschmacksrichtung: watermelon sunrise.
«Drei Franken zwanzig», sagt der Kioskverkäufer und lächelt. Sehr lustig. Drei Franken zwanzig für vierzehn Kaugummis. Die schreiben das auch noch gleich gross zuvorderst auf die Packung: 14 Gums. Macht dreiundzwanzig Rappen pro Kaugummi. Die Packung dieses neuartigen Kaugummis mutet edel an: eine ungefähr kreditkartengrosse Kartonschachtel. Auf schwarzem Hintergrund prangt der silbern glänzende Schriftzug «senses» und darunter leuchtet ein regenbogenfarbener, geschwungener Streifen. Drum herum ist, wie bei solchen Produkten üblich, eine durchsichtige Plastikhülle angebracht. Der Geschmack soll ja konserviert werden. Öffnet man die Schachtel, präsentieren sich zwei «Kammern» mit je sieben Kaugummis, hübsch angeordnet. Eine Art «Kaugummibriefchen» mit viel unnötigem Karton und Papier. «Innovative Verpackung», nennt der Hersteller diese Unsinnigkeit.
Kaum ist der Plastikbezug entfernt, schwappt einem ein starker Geruch entgegen. Ein süsser, beissender Geruch nach Chemie. Es riecht wie im Innenhof der Novartis. Erinnern tut der Geruch nicht unbedingt an eine Wassermelone. Aber immerhin an die anderen chemisch erzeugten Wassermelonengeschmäcker, denen man im Leben schon mal begegnet ist. Dass der Geruch so stark wahrgenommen wird, ist kein Zufall. Genau das ist das Ziel von Trident: In eine neue «Sinneswelt» will uns dieser Kaugummi entführen. Man soll ihn sehen, riechen, schmecken – und sogar fühlen!
Positiv überraschen kann der Kaugummi dann doch noch: Der Geschmack, der sich im Mund ausbreitet – seine eigentliche Bestimmung – ist intensiv und frisch, aber nicht betäubend penetrant. Ein «unvergessliches Geschmackserlebnis» ist allerdings zu viel versprochen.
Es soll ja hier nicht klingen, als würde ich am Hungertuch nagen und am Rande der tiefsten Armut leben. So ist es überhaupt nicht. Beim Fleisch fällt es mir einfach am leichtesten, zu sparen. Auch andere Produkte sind ja schweineteuer. Man denke nur an frisches Gemüse. Oder an Kaffee! Darauf wollt' ich wirklich nicht verzichten müssen. Beim Fleisch fällt's mir leichter. Aber eben, manchmal muss man sich auch etwas gönnen. Und mir steht ein arbeitsreicher Freitagabend bevor. Da hat man doch auch mal was verdient, nicht wahr.
Ich komme also nach Hause mit dem Pferdesteak (!) für 7 Franken 15 im Gepäck und schalte den Transistor ein. Und was höre ich als allererstes? Heute ist WELTSPARTAG. Aha. Heute.
Geil! Gibt es einen besseren Tag, nicht zu sparen, als den Weltspartag?! Unmöglich. Ich habe mir ganz definitiv den allerallerbesten Tag dazu ausgesucht. Wer anderer Meinung ist, soll sich die doch auch gleich sparen, bitte.
- Location:Zürich
«Just because he (Berlusconi) can stay in power doesn't mean he should, however. Its high time for Italy to draw a line. It's neither conspiratorial nor condescending to say, Silvio, it's time to go. It's just common sense.
In the United States there's a saying: 'Friends don't let friends drive drunk.' Berlusconi has never been a tippler, but it's obvious with every passing day that he's drunk on power and drunk on himself - and that if he stays at Italy's wheel, he's likely not only to wreck the country but also to damage Europe and possibly even the North Atlantic alliance.»
Ja. Es gab mal eine Zeit, da hatten die Italiener noch einen gewissen Stolz. Heute akzeptieren sie diesen beschämenden Zustand einfach.
Und dort ist alles anders. Alles. Die Wände sind grauer, die Leute sind ruhiger. Da gibt's nicht diesen Wettbewerb um Aufmerksamkeit wie bei uns in der Kommunikationsecke. Weil da eh meistens alle aufmerksam und ruhig sind. Wenn einer spricht, fällt er auf. Und hat damit die Aufmerksamkeit, die er braucht. Ja, er. Meistens. Natürlich gibt's beim Technikum auch heute nicht sehr viele Frauen. Das lässt sich schon an der Einrichtung der Gebäude erkennen. Als erstes wollte ich nämlich mal kurz für kleine Mädels, als ich da in die grau bewandeten Gänge und Zimmer getreten bin. Also suchte ich eine Toilette. Eine mit diesem Mädchen-Zeichen. Das mit dem Röcklein. Obwohl ich wie meistens gar keinen Rock trug. Egal. Ich suchte eine Damentoilette. Drei Stockwerke hab' ich abgesucht. Rauf und runter. Und als ich endlich, endlich eine Damentoilette fand, sah ich etwas, was ich in solchen Gebäuden noch kaum je gesehen hatte: Eine einzige Schüssel. Ich meine, da gibts nur eine einzige Toilette in der Damentoilette. Unvorstellbar. Bei "uns" drüben gibt's pro Stockwerk sechs Damentoiletten und immer steht man Schlange bis in die Gänge. Also, frau, vor allem, steht Schlange. Eindrücklich fand ich das. Wirklich eindrücklich. Und ich war grad zusätzlich motiviert für diese Aufgabe, für die ich gekommen war. Zeigen wir mal der Welt, dass in einem Technik-Betrieb viel mehr Frauen Platz hätten. Ausser sie haben eine schwache Blase...
Das Bild passt sich also an. Die Mädels haben den Sirup zuerst gegen Martini eingetauscht, dann wich der Martini dem Tee. Und die Bravo-Heftchen dem "wir Eltern"-Magazin, die Modehefte den Babykleider-Katalogen. Die Witze sind geblieben, die Ironie ist noch da und der Spass ist einfach anders verpackt worden. Es hat sich nur Nebensächliches geändert.
Was soll denn eigentlich der ganze Scheiss? Wie kommen wir dazu, die Jugend dermassen abzustempeln, wenn einige wenige einmal im Leben absolut austicken? Natürlich sind die Vorfälle tragisch. Sie sind auch alarmierend, ja. Wir sollen nicht wegschauen, nein. Aber so simpel ist die Sache nun mal eben nicht. Es sind nicht einfach «die Jugendlichen», die plötzlich durchdrehen und gewalttätig werden. Und wenn, dann auch nicht einfach mal so. Die Generation der Erwachsenen kann nicht bloss auf die jüngere Generation zeigen und sie abstempeln und danach weitermachen wie gewohnt. Wer kann denn den Jugendlichen eine valable Perspektive bieten? Welche Aussichten hat wohl die junge Generation, wenn sie sich die ältere anschaut? Erwartungen richten wir an sie. Enorm hohe sogar. Aber ernst nehmen wollen wir sie gleichzeitig nicht. Und wir denken auch nicht an sie, wenn wir dafür sorgen, dass es uns selber gut geht in der Gegenwart. Was wir heute verbocken, baden sie später für uns aus. Wie wir heute leben, spiegelt sich in krasser Weise in der Jugend wieder: Nach mir die Sintflut. Die Gesellschaft sind wir alle. Auch die Jugendlichen. Sie gehören dazu und sie müssen sich wie alle Gesellschaftsgruppen getragen fühlen.
Ich will nicht sagen, dass man gewalttätige Jugendliche verhätscheln soll. Um das geht es hier nicht. Natürlich müssen sie zurechtgewiesen werden. Spürbar zurechtgewiesen werden. Natürlich müssen wir derartiges Verhalten verurteilen. Aber wir müssen die grosse Mehrheit, die sich alle Mühe gibt, in dieser komplizierten Welt zurechtzukommen und ihren Beitrag an die Gesselschaft zu leisten, aus diesen Sanktionen ausschliessen. Sie gehören nicht an den Pranger. Die Jugend hat ein Recht auf Achtung und darauf, mit ihren Bedürfnissen ernst genommen zu werden. Es geht einfach nicht an, dass wir ganz bequem so tun, als seien die Jugendlichen an allem Schlechten schuld, das entsteht. Wir sind es alle.
Gopfertammi.
- Location:Zürich
Gerade hat mich das Bedürfnis überfraut, dich hier einmal ganz offen und öffentlich zu preisen. Du erlaubst es mir bestimmt.
Deine Einzigartigkeit erfüllt mich mit Freude und Heiterkeit und lässt mich staunen. Ich liebe es, dich immer wieder neu kennenzulernen. Mit dir zu quatschen gehört zu meinen allerliebsten Beschäftigungen. Mit dir zu lachen ebenfalls. Zu trauern sowieso. Und auch mit dir nächtelang zu tanzen und zu feiern, Hunderte von Kilometern zu laufen, stundenlang zu schweigen und ausgiebig zu trinken. Deine Geduld mit mir ist ein grosses Geschenk - gerade weil du nicht zu den allergeduldigsten Menschen dieser Welt gehörst. Die Vehemenz, mit der du für deine Werte und Ideologien kämpfst, beeindruckt mich - und sie geht mir manchmal auf diese wunderschöne Weise auf den Sack. Das Schönste daran ist, dass du mir das nicht übel nimmst. Wir sind beide nicht mehr, was wir einmal waren. Aber unsere Verbundenheit ist geblieben. Schön ist das. Wirklich schön.
Aber die Menschen sind herzlich, haben einen Sinn für das Wesentliche. Ihre Sprache ist mehr denn ein Kommunikationsinstrument eine variantenreiche Form des persönlichen Ausdrucks. Die Landschaften sind atemberaubend. Die Schönheit ihrer Musik liegt in der Einfachheit und Emotionalität. Die Luft fernab der Müllberge riecht nach Heimat. Ich kann nicht anders, ich liebe dieses Land. Und gerade deshalb erzürnt es mich immer wieder.... - Flucht in die humorvolle Betrachtung:
- Mood:doof
Schöne Menschen
Blöde Köter
Fahrradparade
Hässliche Menschen
Stinkender Abfall
Spannende Gespräche
Vielsagende Blicke
Gnadenloses Geläster
Philosophische Gedanken
Hundsgemeine Intrigen
Tausende iPods
Nerventötendes Kindergeschrei
Widerwärtige Angelhaken
Superkreative Klingeltöne
Grüne Bikinis
Als Ghettoblaster missbrauchte Handys
Rote Bikinis
Einmalige Begegnungen
Lila Badeslips
Lautes Gelächter
Blödes Gelaber
Dumme Anmachen
Literweise Tränen
Nichtssagende Blicke
«Sichern Sie sich Ihre Prämie!»
«Mach mit und gewinne!»
«Werden auch Sie Hauseigentümer!»
«Lade dir jetzt den neuen Klingelton aufs Handy!»
«Mach mit bei der Stickermania! Kauf dir jetzt das Sammelalbum!»
«Teste die Alpenfrische!»
Diese Imperative. Und immer diese Ausrufezeichen!!
Würde unser/e Vorgesetzte/r so mit uns sprechen, wenn wir Aufträge entgegennehmen, wir würden wahrscheinlich einmal ein ernsthaftes Wörtchen mit ihm oder ihr reden wollen. Das geht ja schliesslich gar nicht. Eine Frage des Anstandes – auch gegenüber Untergebenen. Aber von all den Anbietern von Was-weiss-ich-was lassen wir uns das bereitwillig gefallen. Einfach so. Lassen uns rumkommandieren. Wie Untergebene. Klar, wir müssen ja nicht darauf hören. Tun’s natürlich auch nicht. Oder doch? Wird der Imperativ in der Werbung dermassen viel benutzt, weil er so wirksam ist? Vielleicht lassen wir uns einfach alles vorschreiben, ohne dass wir es realisieren. Sind quasi ferngesteuert. Funktioniert möglicherweise. Wir brauchen wohl Anweisungen und Anleitungen fürs Leben. All die tausend Entscheidungen tagtäglich – da sind wir froh, wenn uns die eine oder andere abgenommen wird und wir einfach tun können, was uns eben befohlen wird. Eine Frechheit ist das. Aber wir lassen sie uns gefallen.
