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salinas
[info]loucurasdavida
Er war einmal Knastbruder und sass wohl in der Nähe von Antalya, der heutigen Türkei ein. Das ist lange her und der Grund für die Haft ist nicht ganz klar. Vermutlich hatte man keine so grosse Freude daran, dass er am Konzil von Nizäa, im Jahre 325, seinem Rivalen Arius eine löffelte. Überhaupt war er nicht nur beliebt. Er war nämlich aufmüpfig, was in seinen Kreisen gar nicht gerne gesehen ist. Noch dazu in seiner Rolle als Bischof! Inzwischen hat er aber eine Wahnsinnskarriere hingelegt. Von Streithahn und Knastbruder keine Spur mehr, heute strahlt er eine ruhige Überlegenheit aus, die weise anmutet und grösste Ehrerbietung verlangt. Wenn er spricht, mit seinem tiefen Bass, dann zucken die Kinder im ersten Moment zusammen und es wird ihnen sogleich wohlig warm ums Herz. Denn der alte Mann meint’s gut. Um das zu spüren, braucht man gar nicht zu verstehen, was er in seinen weissen Bart hinein murmelt. Nikolaus wird zwar immer noch hin und wieder wütend, doch macht er sich die Hände längst nicht mehr selber schmutzlig. Das Strafen übernimmt sein Knecht. Selber verteilt er lieber Nuss und Bire und andere Geschenke.
 
Womit wir beim aktuellen Problem all jener wären, die das Spielchen gerne mitspielen möchten. Von irgendwo her muss der Chlaus ja die Geschenke haben, die er den braven Kindern genauso wie den Rotzbengeln rausrückt. Was soll man den Kindern denn schenken (lassen), wenn doch Weihnachten auch gleich noch nachzieht? Eine Barbie? Ein Fussball? Ein iPhone? Oder vielleicht doch lieber etwas, das die Kids noch nicht haben...?

Fink, Heinzer, Reza
salinas
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Thomas Schäfer ist heute spät dran. Das kommt sehr selten vor, denn er legt Wert auf Pünktlichkeit und Verlässlichkeit. Er ist selber sehr gewissenhaft. Aber heute früh lief irgendwie alles schief: Der Wecker läutete eine Viertelstunde zu spät, er muss ihn gestern aus Versehen falsch gestellt haben. Die Kaffeetasse rutschte ihm später aus den Händen und ihr Inhalt über das frische weisse Hemd. Zu dem Zeitpunkt hätte er bereits unterwegs ins Geschäft sein sollen. Nun ja. Wenigstens hat er heute früh keinen Termin. Kunde Fink hat ja kurzfristig abgesagt, der will sich erst noch einmal mit seiner Frau besprechen, bevor er Schäfers Architekturbüro definitiv den Auftrag gibt, sein Einfamilienhaus auszubauen. Dann ist’s ja halb so schlimm. Schäfer muss sich das auf dem Weg zur Arbeit immer wieder selber sagen: Es ist halb so schlimm. Wenn er sich das nicht ständig vorbetet, bleibt er den ganzen Tag schlecht gelaunt, weil er am Morgen zu spät gekommen ist. Nun ist er endlich da und das Tagesprogramm ist auch ohne Kunde Fink ziemlich gedrängt. Trotzdem nimmt er, während sein Mac die neusten Mails abruft, noch einen zweiten Anlauf mit dem Kaffee. Sonst startet der Tag ja nie vernünftig.
Den Rest dieses chaotischen Tages bringt er damit zu, Mails zu beantworten, die Planung seiner Projekte zu optimieren, sein Team zu einer Sitzung einzuberufen, an welcher die aktuellsten Erfolge und Probleme kurz besprochen werden, mit Ämtern, Bauherren und Kollegen zu telefonieren und einige neue Pläne zu zeichnen. Dazwischen schnell ein Sandwich und ein privates Telefongespräch. Heute Abend wollte er eigentlich endlich wieder einmal trainieren gehen. Vorletzte Woche war er Joggen. Und Tennis Spielen. Seither hatte er einfach keine Zeit mehr. Die Partei bringt viel Arbeit neben dem Geschäft und er hatte fast jeden Abend eine Sitzung. Man will ja neue Rezepte gegen die Krise finden. Auch heute hat er das Training in letzter Minute gestrichen. Denn Kunde Heinzer hat einen Extrawunsch. Kurz vor dem Zieleinlauf, natürlich. Das ist ja nichts Neues. Nachdem er diesen – unter uns gesagt hirnrissigen – Extrawunsch endlich fertig aufgenommen und ins Projekt integriert hat, geht er auf direktem Weg nach Hause. Als Schäfer endlich in die unaufgeräumte Wohnung tritt, die so ruhig ist, jetzt, da die Kinder im Herbstlager und die Frau auf Geschäftsreise sind, ist es bereits halb Zehn. Er macht sich einen Salat, holt ein Bier aus dem Kühlschrank und setzt sich in seinen Lieblingssessel. Das NZZ Folio liegt immer auf dem Tischchen direkt neben diesem Sessel. Schäfer greift danach, stösst einen tiefen Seufzer aus und rutscht im Sessel noch zwei, drei Mal hin und her, bis er endlich bequem sitzt. Er schlägt das Heft auf und bleibt auf Seite Zehn hängen. Ein Porträt von Yasmina Reza. Das hätte er im Folio nicht erwartet. Er lächelt sanft, nimmt einen Schluck Bier und beginnt neugierig, aber langsam zu lesen.

Zen für Selbstüberschätzer_innen
salinas
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Jeden Morgen fällt mir im Bad die Haarbürste aus der Hand. Danach plumpsen die Linsendose ins Lavabo und die Brille zu Boden. Und so verlässlich wie die 9-Uhr-Nachrichten ereignen sich dann das Verschütten der Milch und das Kleckern beim Müsli Essen. Ich bin eine Tollpatschin, ja. Und wenn ich endlich dazu komme, den Computer anzuwerfen und die Mails zu checken, läuft das Ding bestimmt nicht, ohne mir vorher deutlich zu zeigen, dass nur ein einziger Klick zuviel bedeutet, dass ich mit der Computersache von vorn beginnen kann. Manchmal lache ich über all das. Schmunzle, wenn mir die Haarbürste schon wieder aus der Hand fällt, die Brille auf dem Badezimmerboden aufschlägt und erneut keinen Schaden davon trägt. Kichere, wenn die Milch über den Rand der Kaffeetasse springt und schüttle seufzend lächelnd den Kopf, wenn mein Computer mir die Stirn bietet.
Aber oftmals eben auch nicht. Oft fluche ich, schmettere die Haarbürste und die Linsendose zurück in den Spiegelschrank. Oft stosse ich in hässlichen Tönen noch hässlichere Worte hervor, wenn die Milch auf dem Tisch weisse Tupfen hinterlässt und knalle ich meine geballte Faust auf den Arbeitstisch, wenn der Computer nicht läuft, wie ich es mir wünsche. Und wenn dann das Telefon klingelt, würd' ich am liebsten rangehen und in die Leitung hineinpoltern, man solle mich doch vertamminomal um diese Zeit nicht blöd anmachen!!!!!
Dabei wäre es schon richtig zu lächeln und schmunzeln. Man sollte über solche Dinge nun wirklich nichts anderes als lachen. Über sich selbst, eigentlich, sollte man allem voran einfach lachen. Sich nicht so ernst nehmen, die Dinge in die richtigen Relationen setzen. Was will ich in Anbetracht dieser Welt, so komplex und gross, so verrückt und so unfassbar, denn bitteschön mit meiner Zahnbürste und meiner Linsendose??

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Wahrscheinlich tät' mir ein Meisterschafts-Volksfest mal wieder gut...


Das Vorhergegangene (lat. praeteritum)
salinas
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Was bin ich mehr als die Summe meiner Erinnerungen? Ein Gefäss voll Vergangenheit?
Manchmal hat die Zukunft ein Gesicht, die Gegenwart eine Identität. Und immer wird dennoch alles anders kommen. Gewiss ist uns nur das Vergangene.
Vielleicht ist dies der Grund, weshalb es schwierig ist, damit klar zu kommen. Die Vergangenheit ist unveränderbar. In ihr liegt keine Hoffnung, nur Gewissheit. Mag uns das Ungewisse der Zukunft noch so verängstigen, wir können es immerhin in allen uns wünschbaren Farben ausmalen. Wir machen in der Gegenwart aus der Zukunft, was wir uns gerade wünschen. Auch sie, die Gegenwart, war einst farbige Zukunft und sie ist schon im nächsten Augenblick Vergangenheit. Unveränderbare Vergangenheit. Und wenn wir könnten, würden wir sie vielleicht einfach vergessen. Vernachlässigbare Geschichte.
Wenn sie uns nur nicht zu dem machte, was wir in der Gegenwart und der Zukunft sind.

In between
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Walking on a bridge. Waiting to reach the other side. Trying. Taking every step in a hurry. Thinking that all I do meanwhile is just temporary. Longing to arrive there, on the firm mainland. Doing all the temporary stuff, breathing fast. Running.
But the bridge seems to bend. And bend again. Going round and round and down. No mainland in sight. Just loops. Turning. Still in a hurry. Breathing fast and going down. Losing orientation. What was the destination again? Bridge.

Smartiesbox
salinas
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Eigentlich sollte ich dreimal die Woche Ausdauer- und zweimal Krafttraining machen. Dazu noch ein bisschen Yoga. Ausserdem zweimal täglich Früchte und dreimal täglich Gemüse essen. Und keine Schokolade, kein Süssgebäck. Bier ist sowieso tabu. Martini auch. Vielleicht liegt alle zwei Wochen mal ein gespritzter Weisswein drin. Ohne Zigarette, versteht sich.
Dann sollte ich möglichst wenig TV glotzen und stattdessen ganz viel lesen. Zeitungen, Magazine, Bücher, wissenschaftliche Abhandlungen. Acht Stunden sollte ich wenigstens schlafen pro Nacht und tagsüber fleissig arbeiten. Aber keine langen Überstunden machen. Ich sollte bei der Arbeit überlegt, sorgfältig und fair handeln - und immer hartnäckig meine Ziele verfolgen, mich nicht aufhalten lassen. Wichtig ist, dass ich stets mit einem Lächeln auf dem Gesicht tue, was ich eben tue. Und nicht alles auf die leichte Schulter nehme. Keine negativen Gedanken wälzen, immer schön zuversichtlich bleiben - und der Welt nicht gleichgültig entgegen treten.
Vom Schiksal anderer auf dieser elenden Welt soll ich mich nicht einnehmen lassen, es nicht zu meinem machen. Und ich sollte es an Mitgefühl nicht mangeln lassen. Anderen Helfen ist auch stets erwünscht. Nur ja nicht aufopfernd und selbstlos werden. Man soll zeigen, was man kann. Und gut darauf achten, nicht allzu selbstbewusst zu wirken. Man soll auch sagen, was man nicht kann, seine Schwächen eingestehen. Und keine Unsicherheit zeigen. Mit meinem Geld soll ich sparsam und vorsichtig umgehen. Und bitte nicht geizig werden. Meine Mitmenschen erwarten Respekt und eine kritische Grundhaltung. Ich soll sagen, was ich denke. Nur eben nicht zu deutlich und gerne etwas leiser.

- Leute, das Leben ist ein Kinderspiel! Ein Ponyhof. Eine Smartiesbox. 

Dazwischen
salinas
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Es gibt jetzt ein Vorher und ein Nachher. Und das Nachher gefällt mir nicht.
Manchmal vermag diese graue Sosse aus Arbeit, Arbeit, Arbeit und Schule den Graben zwischen dem Vorher und dem Nachher zu verdecken. An schönen Tagen kriegt das auch der Schnee hin. Aber das Fundament darunter fehlt, die tiefe Kerbe kommt immer wieder zum Vorschein. Dann versuche ich sie entweder zu verleugnen, zu ignorieren oder zu füllen. Mit etwas anderem als der Sosse oder dem Schnee. Mit Liebe, zum Beispiel. Aber die kann sich da nicht entfalten, sie stösst an Grenzen. Das ist nicht der richtige Platz für die Liebe, dieser Graben. Dahin gehört sie nicht. Das Einzige, was da hin gehört, ist und bleibt wohl das Nichts. Schwarz und kalt.
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Glauben, aber...
salinas
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Mitten in diesem ganzen unüberblickbaren Chaos tauchen blitzlichtartige Momente auf. Darin scheinen die Welt und das Leben tatsächlich eine gewisse Ordnung zu haben. Ein altes Konzept scheint plötzlich wieder Gültigkeit zu erlangen und die Welt dreht sich vom Kopf auf die Füsse. Ganz unvermittelt glaube ich dann daran, dass es Dinge gibt in einem Leben, die Bestand haben. Auch gute. Ist wohl ein Aberglaube. Aber ein guter.

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Alles geht nur tröpfchenweise. Auch die Trauer. Und die Freude. Und der Abschied? Der ist immer ganz plötzlich da. Immer ganz, in seinem gesamten Ausmass und bringt alle Konsequenzen gleich mit. Ohne zu dosieren. Keine Tröpfchen. Fluten.

Danach geht es wieder tröpfchenweise. Aber wie werde ich mit Tröpfchen einer ganzen Flut gerecht?


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